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20 Jan 2022
Wir brauchen mehr Gründerinnen

Wir brauchen mehr Gründerinnen.

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Was muss sich in Deutschland ändern, damit wir mehr Frauen zum Gründen begeistern können ?

Häufig wird davon gesprochen, dass es um Kapital und eine einfachere Bürokratie geht. Stimmt, hier muss sich noch viel tun. Doch das allein reicht nicht aus. Wir müssen diverse Vorbilder schaffen, Vereinbarkeit zeigen und ermöglichen. Aktuell sind nur 16% der Start-Up Gründer:innen in Deutschland weiblich. Es gibt also noch viel zu tun. Aber woran liegt es eigentlich, dass so wenige Frauen sich fürs Gründen entscheiden? Ein Résumé aus 7 Jahren Selbstständigkeit, 5 Jahren Unternehmerinnentum und 2 Jahren Soloselbstständigkeit, mit und ohne Kind. 

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Gleiche Chancen für Gründer:innen sind notwendig.

Wenn wir mehr Frauen zum Gründen bewegen wollen, müssen wir frühzeitig ansetzen. Die fehlende Aufklärung beginnt bereits in der Schulzeit. Jetzt mal ehrlich, wurde dir in der Schule jemals das Berufsbild einer Unternehmerin aufgezeigt?

Für mich war das Thema Selbstständigkeit schon im Kindesalter präsent. Mein Vater [MLV1] war selbstständig und Unternehmer und mir war klar, das kann ich auch. Aber was ist mit den Mädchen, die keine Vorbilder zu Hause oder im näheren Umfeld haben?

Noch immer wachsen viele Kinder mit veralteten Rollenbildern und Stereotypen auf. Leider gibt es in Bezug auf Gleichberechtigung immer noch sehr viel zu tun. Ziel sollte die Vermittlung einer zeitgemäßen Rollenverteilung und eines modernen Familienbildes sein.

Indem wir jungen Mädchen zeigen, dass für sie Alles möglich ist, dass sie alles schaffen können und ihnen ihre Möglichkeiten anhand von vielfältigen Vorbildern mit unterschiedlichen Lebensläufen, Herkunft und Familienmodellen aufzeigen, motivieren wir sie und können langfristig auch mehr Frauen zum Gründen bewegen.

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Vorbilder schaffen: Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Wir müssen jungen Mädchen und auch Frauen nicht nur die Rolle der Unternehmerin näherbringen, wir müssen ihnen zeigen, dass Familie und Gründen vereinbar sind. Es geht darum, Vorbilder sichtbar zu machen, welche zeigen, dass Vereinbarkeit möglich ist.

Vereinbarkeit ist ein essentielles Thema für Gründerinnen. Egal ob es um die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf oder um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht.

Bei der Gründung meines ersten Unternehmens war ich 26 Jahre alt. Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf machte ich mir damals wenig Gedanken. Um die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf ebenfalls nicht. Und genau das war der Hauptgrund, warum ich nach 5 Jahren mein eigenes Unternehmen verlassen habe, um mich mit mehr Vereinbarkeit neu aufzustellen. Ich habe 5 Jahre durchgearbeitet, mit sehr wenig Urlaub, kaum Pausen und wenig Zeit für Freund:innen und Familie.

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Das war mein größter Fehler

Woran das lag? An fehlenden Vorbildern. Ich habe mich in der Start-Up Welt umgesehen und an den vorhandenen Rolemodels orientiert. Leider präsentiert sich die typische Vorbildunternehmerin genau so, wie ich damals war. Glaubt man den Medien, arbeitet die ideale Gründerin 100 Stunden die Woche und hat den Fokus immer zu 150% auf dem eigenen Business.

Dabei sind gerade Zeit für Selbstreflexion, Selbstfürsorge oder das Ordnen der eigenen Gedanken so unglaublich wichtig, um langfristig erfolgreich sein zu können. Durch genau solche Vorbilder entsteht ein wahnsinniger Druck auf junge Gründerinnen. Sie denken, dass sie nur erfolgreich sein können, wenn sie diesem vermeintlichen Idealbild folgen. Doch diese Denkweise ist fatal. Immer häufiger hört man inzwischen von Gründer:innen, die nach 3-5 Jahren ihr eigenes Unternehmen verlassen, um sich eine Auszeit zu nehmen oder sich Zeit zu Selbstreflektion zu gönnen. Genau so war es auch bei mir. Ich habe gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann und rechtzeitig die Reißleine gezogen.

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Wenn sich die Ansprüche an Vereinbarkeit ändern: Als Unternehmerin schwanger werden.

Als ich 2019 begann meine Schwangerschaft zu planen, erstellte ich riesige Excel Tabellen mit Prozessen, Leads und Vertretungen. Ich empfand den Beginn der Planung als sehr schwierig und mühselig, weil ich selbst nach längerer Recherche keine Vorbilder finden konnte.

Es gab viele Beispiele für eine Gründung ohne Kind oder eine Gründung mit Kind. Aber wirklich niemand berichtete öffentlich im Detail darüber, wie man eine Schwangerschaft und Mutterschaft mit eigenem Unternehmen und Team am besten plant.

Die Beispielunternehmerinnen, die ich gefunden habe, lebten genau das oben beschriebene (100-)Stunden Modell weiter. Ganztagsbetreuung der Kinder und ohne Wochenbett/ Mutterschutz direkt wieder in die Arbeit.

Das gezeigte Modell mit Vollzeit Betreuung der Kids bzw einer Nanny, die zum Stillen in den ersten Monaten ins Büro kommt, ist für die meisten Gründerinnen finanziell und organisatorisch jedoch gar nicht möglich. Mal abgesehen davon, ob eine Mutter sich dafür entscheiden würde oder gerne mehr Zeit mit dem Baby verbringen möchte.

Egal für welches Modell sich eine Mutter und Gründerin entscheidet, es muss mehr Optionen für Unterstützung geben. Eine Option wäre eine Verbesserung der Betreuungsmöglichkeiten.

Ich hoffe, mit meinem Beispiel konnte ich den Mangel an guten, sichtbaren Vorbildern für (angehende) Gründerinnen verbildlichen. Wenn Frauen sehen, dass verschiedene Modelle des Gründens mit verschiedenen Vereinbarkeitsoptionen möglich sind, können wir mehr Frauen zum Gründen bewegen. Keine Frau sollte sich zwischen der Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung und der Familie entscheiden müssen.

Es muss mehr Vorbilder geben, die genau diese modernen Ansätze verfolgen und Vereinbarkeit, New Work, Weiterbildung, Selfcare, Selbstreflektion etc. für sich und für ihre Mitarbeiter:innen von Anfang an in die Unternehmenskultur und die Gründung mit aufnehmen.

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Die komplizierte Bürokratie macht es Gründerinnen in Deutschland schwer.

Unternehmerinnen in Deutschland haben es noch immer sehr schwer. Gerade in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden ihnen viele Steine in den Weg gelegt. Es fängt bei komplizierten Elterngeldanträgen für Selbstständige an und endet bei Steuerbezuschussungen für veraltete Rollenbilder. (Ehegattensplitting)

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Elterngeld für Selbstständige

Ein großes und kompliziertes, bürokratisches Thema fürselbstständige Frauen ist das Thema Elternzeit und Elterngeld.

Die meisten Unternehmerinnen haben nicht die Möglichkeit sich den Luxus einer Elternzeit zu leisten, weil sie es schlichtweg nicht vermeiden können, für einen längeren Zeitraum aus dem Unternehmensalltag auszusteigen.

Wer sich dennoch für den Bezug von Elterngeld entscheidet, darf im Bezugszeitraum nicht arbeiten. Da Gründerinnen in den meisten Unternehmen sehr viele unterschiedliche Aufgabenbereiche abdecken, ist es sehr schwierig eine Vertretung zu finden. Und selbst, wenn das finanziell möglich ist, ist es in vielen Fällen einfach nicht möglich die Verantwortung komplett abzugeben.

Das bedeutet für viele selbstständige Mütter, dass sie sich zwischen dem Unternehmerinnentum und der Elternzeit entscheiden müssen.

Wer sich für eine frühe Vollzeitbetreuung des Kindes entscheidet und damit gegen den Elterngeldbezug, muss die Betreuung zusätzlich zum eigenen Gehalt finanzieren. Auch das stellt gerade für Gründerinnen in den ersten Jahren eine große Herausforderung da. Mal ganz abgesehen von dem Fakt, dass es in den meisten Gegenden in Deutschland extrem schwierig ist, eine Vollzeitbetreeuung für Babies zu bekommen. In den meisten Fällen bleibt da nur ein privat finanziertes Kindermädchen. Und das können die wenigsten bezahlen.

Soloselbstständige haben häufig gar keine Möglichkeit für eine Vertretung. Das bedeutet, dass sie im Elterngeldbezugszeitraum ihr Business stilllegen müssen. Zudem kommt, dass bei Selbstständigen im Bezugszeitraum keine Zahlungseingänge verbucht werden dürfen. Die wenigsten Selbstständigen können jedoch ihren Kund:innen vorschreiben, wann diese genau ihre Rechnungen zu zahlen haben. So kann es durchaus sein, dass ein:e Kund:in ein Projekt von vor 3 Monaten während des Bezugszeitraums des Elterngeldes zahlt und damit das Elterngeld für den Monat zurückgezahlt werden muss, obwohl man sich an die Vorgaben hält und in dem Monat nicht arbeitet. Auch beim Elterngeld Plus sieht es leider nicht viel besser aus mit den Optionen. Das verdiente Geld wird mit dem Elterngeld verrechnet und macht so den früheren Wiedereinstieg für viele Frauen unattraktiv. Man hat es also als Selbstständige in Deutschland deutlich schwerer in bürokratischen Themen. Ich wünsche mir eine Neustrukturierung des Elterngeldes, bei der Selbstständige und vor allem Gleichberechtigung und der Wiedereinstieg in den Beruf mitgedacht werden.

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Es wäre so schön, wenn die Politik auch Selbstständige in ihren Neuerungen und Vorteilen für Eltern berücksichtigen würde.

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Netzwerken

Vorbilder können Frauen zum Beispiel in Netzwerken finden. Während Männer haüfig sehr selbstbewusst mit ihrem Können umgehen und sich gut verkaufen können, sind Frauen oft vorsichtiger, präsentieren sich weniger gerne und treten seltener in Kontakt. In den letzten Jahren sind daher einige Frauennetzwerke für Gründerinnen entstanden, in denen sie sich austauschen können. Wobei wir wieder beim Thema Vorbilder wären. Netzwerke wie Nushu, der Mama Meeting Business Club oder lokale Unternehmerinnenvereine sind ein guter Anlaufpunkt für den Austausch mit anderen Unternehmerinnen. Aber auch hier ist noch Bedarf zur Optimierung/ Erweiterung des Angebots, um eine breitere, diversere Zielgruppe zu erreichen und damit zum Gründen zu bewegen.

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Vielseitige Bildungsangebote und Coaching für Gründerinnen

Wenn ich heute gefragt werde, was in den 7 Jahren Selbstständigkeit schief gelaufen ist, ist die Antwort eindeutig. Ich habe immer strategisch und wirtschaftlich sinnvoll geplant. Wichtige Themen wie Mindset, Rollenfindung und Teamkommunikation habe ich nicht oder zu wenig bedacht und behandelt.

Was ich heute anders machen würde? Ganz klar mehr Raum für Selbst- und Teamreflektion schaffen. Viel mehr an der Kommunikation im Gründer:innenteam und mit dem Team arbeiten und feste Kommunikationsregeln und Erreichbarkeiten festlegen. Ich würde mich und mein Team von einem/ einer Coach:in begleiten lassen. Ich würde mir mehr Freiräume für Weiterbildung, für Erholung, zum Groß denken und kreativ sein schaffen und meinen Bedürfnissen nachgehen.

Frauen gründen anders und Mamas gründen nochmal anders. Jede (angehende) Gründerin hat ihre ganz individuellen Herausforderungen, Hürden und Ängste. Mit einem vielseitigen Bildungs- und Coachingangebot können Frauen bestärkt und in ihrem Vorhaben unterstützt werden. Und das führt dazu, dass sich mehr Frauen trauen den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte und meiner Arbeit einigen Frauen die Angst vorm Gründen nehmen kann. Gründerin sein bedeutet, sich selbst verwirklichen zu können, seine eigene Vereinbarkeit finden zu können und eigene Regeln aufstellen zu können. Das absolut schönste am Gründen ist, dass man die eigene Firma nach seinen eigenen, individuellen Vorstellungen aufbauen kann und diese auch jederzeit immer wieder anpassen kann.

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marenwill

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